Sarah Crossan – Breathe. Gefangen unter Glas {Buchrezension}

Eine Welt ohne Sauerstoff.
Alles scheint tot.
Unter einer Glaskuppel gibt es nur wenige Überlebende.
Zitat aus dem Klappentext

Die ersten Worte des Klappentextes klangen verheißungsvoll, bedrohlich und machten (unheimlich) Lust darauf, mich auf eine postapokalyptische Welt einzulassen, eine Welt, in der unser kostbarstes Gut Mangelware ist, eine Welt vor dem Abgrund. Sarah Crossan, gebürtig aus Irland, hat als Englischlehrerin gearbeitet bevor sie in die USA zog, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Ihr erstes Buch, welches gleichzeitig den Auftakt in eine dystopische Reihe bildet – bisher sind, soweit ich mich informiert habe, zwei Bücher geplant – hat mich gefesselt und mir buchstäblich den Atem geraubt. Nach einigen doch sehr guten Genrevertretern im letzten Jahr war ich sehr gespannt, ob die Autorin meine Erwartungen erfüllen konnte. Sie hat es geschafft!

Die (Über)lebensformel O2

Die Erde. In der Zukunft. Nach dem Switch. Der Planet ist ausgedorrt, verlassen, der Sauerstoffgehalt der Atmosphäre ist verschwindend gering. Die Überlebenden haben sich unter großen Glaskuppeln in Sicherheit gebracht und müssen ihre Atemluft käuflich erwerben. Eine Zweiklassengesellschaft hat sich gebildet, Premiums versus Seconds. Mitten in diesem Durcheinander treffen drei junge Menschen aufeinander: Quinn, ein „Premium“ und Bea, eine „Second“ – verliebt in den jungen Mann aus dem reichen Elternhaus – lernen Alina kennen, eine junge Rebellin, die sich auf der Flucht aus der gläsernen Kuppel befindet. Ein Gedanke eint sie: ob sie jemals außerhalb der Kuppel überleben können, ob sie jemals wieder frei atmen können, ohne Sauerstoffgeräte, in Freiheit? Doch ehe sie sich versehen, befinden sie sich alle auf der Flucht und werden vom Militärapparat und der Regierung gejagt!

Gar nicht so realitätsfern…

Man stelle sich das nun einfach mal vor, denn der Gedanke ist gar nicht so abwegig: Abgase, Industrie, Waldrodung, Umweltverschmutzung. Was wäre, wenn innerhalb kürzester Zeit der Sauerstoffgehalt der Atmosphäre sinken würde, wenn die Natur kollabieren würde und der Mensch unbarmherzig die Folgen seines tagtäglichen Raubbaus vor Augen geführt bekäme? Was würde passieren, wenn man den kostbaren Stoff zum Atmen, den Atem des Lebens, bezahlen müsste? Das dachte sich auch Sarah Crossan und so ward die Idee zu ihrem grandiosen Auftakt rund um eine düstere Welt nach dem großen Switch geboren. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich war ein wenig skeptisch, anfangs. Doch ich wurde positiv überrascht. Dieses Jugendbuch erfüllte nicht nur meine Erwartungen, es übertraf sie sogar noch!

„Was ich weiß oder nicht weiß, spielt hier keine Rolle. Es geht darum, was ich fühle“, präzisiere ich. – Alina, Seite 134

Als ich mich erstmals mit diesem Buch beschäftigte, startete der dtv Verlag eine Bloggeraktion rund um »Breathe«. Das eindrucksvolle Cover, in stimmungsintensiven Farben – warmes Orange trifft auf kaltes Blau – zog sofort meine Blicke auf sich, die beiden jungen Menschen darauf deuteten bereits an, dass wir es hier wohl mit einer Liebesgeschichte zwischen zwei verschiedenen Welten zu tun bekommen werden. Ich lag richtig, wie sich herausstellte, dazu an anderer Stelle mehr. Das deutsche Cover gefällt mir übrigens um Längen besser als das der englischen Ausgabe. Die Farbgebung ist kontrastreicher und auch der mit eisigem Hauch verzierte Titel in klarem, seriflosen Font passt sich hervorragend in die Gesamtszene des Covers ein. Wirklich gut gelungen! Aber was soll uns dieser aufgeklatschte Untertitel „Gefangen unter Glas“ auf dem deutschen Cover sagen? Was reitet die Verlage, uns deutsche Leser unbedingt immer mit einem Untertitel bedenken zu müssen? Das wäre nicht notwendig gewesen.

Das englische Cover hingegen greift den Gegensatz zwischen wärmender, schützender Kuppel und eisiger Außenwelt nicht wirklich auf, sondern legt den Fokus auf die ausgehungerte Erde. Man gewinnt hier eher den Eindruck, es ginge vor allem um einen ausgetrockneten Planeten. Die Farbwahl harmoniert meines Erachtens nach nicht mit dem Thema Sauerstoffmangel. Aber das ist Geschmackssache. Das Cover des zweiten englischen Buches gefällt mir da schon deutlich besser, denn sowohl die Farbwahl als auch das Bild deuten schon an, was uns erwarten wird.

Spannend bis zum letzten Atemzug!

Bis zum allerletzten Wort, bis zur allerletzten vierhundertzweiunddreißigsten Seite fieberte ich mit den drei Hauptcharakteren, habe mitgezittert und Tränen weggewischt, war sprachlos und schluckte schwer. Die Autorin hat wahrlich ein Händchen für das Thema bewiesen, denn der klare Pluspunkt der Dystopie ist: Der Zustand dieser Welt, der Sauerstoffmangel und alle damit verbundenen Konsequenzen, ist nicht „aus der Luft gegriffen“. Das ist durchaus vorstellbar und das macht diese Story so packend. Ich konnte das Buch kaum zur Seite legen, dabei hatte ich mir eigentlich vorgenommen, gemeinsam mit einer lieben Bloggerfreundin durch die Seiten zu huschen. Doch weit gefehlt, der Plot fesselte mich derart, ich musste unbedingt wissen, wie sich die Geschichte entwickelte. Jeder Aspekt war stimmig, denn Frau Crossan hatte sehr gewissenhaft für ihre Dystopie recherchiert, achtete auch auf die kleinen Details und das schlüssige Gesamtkonzept. Dazu zähle ich auch den Spiegel der Gesellschaftskritik, den uns die Autorin gnadenlos vor Augen hält und aufzeigt, wohin uns das Verhalten der Menschheit führen kann, wenn wir nicht auf die Bremse treten.

Trotz all unserer Unterschiede werden wir gemeinsam aufstehen und unser Recht auf Leben verteidigen. Unser ureigenes menschliches Recht zu atmen. – Seite 390

Das Buch ist in fünf große Abschnitte mit einfachen, prägnanten Titeln eingeteilt, welche schon durch ihre Namensgebung andeuten, was mich auf den kommenden Seiten erwarten wird. Die Spannung ließ mich zu keinem Zeitpunkt im Stich, wurde vor allem im mittleren Teil des Buches durch kurze, mitreißende Kapitel unterstützt und hetzte uns im Stakkato passend zur Verfolgungsjagd unbarmherzig durch kaputte Straßen, verlassene Häuser und herumliegende Trümmer. Stumme Zeugen einer zerstörten Welt, in der es kaum Hoffnung zu geben scheint, dass ein Leben außerhalb dieser Glaskuppeln jemals wieder möglich sein könnte. Oder doch? Dies bleibt abzuwarten und ich hoffe, dass uns die Autorin diese und noch viele weitere Fragen im Folgeband beantworten wird.

Wo wir gleich beim nächsten Thema wären: Was mir sofort, bereits nach den ersten 50 Seiten auffiel, war die Informationsdichte zwischen den Zeilen. Das Fehlen selbiger missfiel mir bei anderen Dystopien, welche mich mehr oder minder mit einem großen Fragezeichen über dem Kopf zurückließen. Teilweise saß ich hier wirklich mit einem genervten Stirnrunzeln, da es einfach zu offensichtlich war, dass gerade die essentiellen Informationen erst im / in den folgenden Band / Bänden geklärt werden würden. Dies passierte mir in »Breathe« zum Glück nicht. Pluspunkt für das atemlose Endzeitszenario! Einzig eine Frage steht bis zum Ende im Raum: Was für ein Ereignis war der oft angesprochene „Switch„? Eine Naturkatastrophe? Wenn ja, um was für eine handelte es sich? Eine vom Menschen herbeigeführte Katastrophe, die schlussendlich im Sauerstoffkollaps der Atmosphäre gipfelte? Warum schaffen es die Weltmeere nicht länger, ausreichend Sauerstoff zu produzieren?

Intensive Charakterzeichnung

Die Charaktere wirkten sehr natürlich, handelten konsequent und stets logisch. Die Erzählsicht wechselte zwischen Quinn, Alina und Bea hin und her, jedoch unterbrach das nicht den Lesefluss, sondern sorgte für reichlich Abwechslung des Plots und begeistertes Weiterlesen. »Breathe« überraschte, schockierte und regte zum Nachdenken an. Sarah Crossan ließ jede ihrer Figuren die Story aus der Ich-Perspektive schildern, was zusätzlich noch für intensive Emotionalität und das gewisse „Mitten-drin“-Gefühl sorgte. Ich habe bei manchen Büchern ein wenig Probleme mit dieser Perspektive, doch bei »Breathe« konnte ich mich sehr gut in die unterschiedlichen, sehr vielschichtigen Charaktere hineinversetzen und kann mir sehr gut vorstellen, dass dies in Verbindung mit der farbigen Charakterzeichnung für hohes Identifikationspotential bei der jungen Zielgruppe sorgt.

Die Millionen und Abermillionen Sterne halten mir vor Augen, wie klein und zerbrechlich ich bin. Wie absolut unwichtig. […] Und selbst wenn der allerletzte Baum von der Erdoberfläche verschwinden würde, die Sterne oben am Firmament würde es nicht interessieren. Die würden weiterhin ihre Gutenachtgrüße zur Erde senden. – Seite 377

Die bereits oben erwähnte Lovestory war nicht aufdringlich, aufgesetzt oder gar kitschig. Nein, sie unterstützte die Handlung und säte das Licht der Hoffnung in die Finsternis einer von Verzweiflung geprägten Welt. Zwischen typisch dystopischen Elementen wie einer Zweiklassengesellschaft, einer Gruppe mutiger Rebellen, einem machtgierigen Konzern und einem korrupten, vom Militär durchsetzten Regierungsapparat, sowie eines von einer (Umwelt?-)Katastrophe zerfressenen Planeten bettet die Autorin eine sanfte, junge Liebe, gleich einem Zweig mit hellgrünen, jungen Trieben, als Symbol für Hoffnung und einen Lichtblick, für Liebe in einer düsteren Welt mit wenig Zukunftsperspektive (ja, dieser lange Satz musste sein!). Sarah Crossan bewies Feingefühl für ihre Charaktere, umschrieb liebevoll und mit viel Intensität deren Gefühlswelt und gab tiefe Einblicke in das Leben zweier in konträren Gesellschaftsschichten aufwachsenden jungen Menschen. Da war nichts von Naivität zu spüren, welche man in diesem Alter durchaus erwartet und welche auch völlig normal ist. Nein, sehr reif und vorausschauend agierten die drei Protagonisten und entführten mich tief in ihre zerrüttete Zukunftsvision unseres Planeten.

Wie konnte all das nur passieren? Bisher habe ich so gut wie nie über die Luft nachgedacht, die ich zum Atmen brauche, und jetzt vergeht fast keine Sekunde, ohne dass ich mich frage, ob ich genug davon kriege. Für die Seconds muss das der Normalzustand sein. – Quinn, Seite 234

Man könnte nun kritisieren, dass stellenweise der Fokus zu sehr auf dem emotionalen Part der Geschichte lag; sprich, dass zum Beispiel Bea zeitweise sehr gefühlsbetont war, seitenweise darüber nachdachte, was sie nun empfand oder nicht empfand. Doch im Gesamtbild wirkte dies sogar eher aufmunternd und zeigte, dass trotz der schlimmen Umstände und tragischen Schicksalsschläge noch Kraft und Überlebenswillen in den jungen Herzen steckte. Sie haben ein Stück Idylle für sich bewahrt, im Inneren – ihrer Gefühlswelt und ihren ganz eigenen kleinen Sorgen, die neben den tagtäglichen Problemen und Machtkämpfen um den notwendigen Sauerstoff so nichtig erscheinen mögen.

Die Handlung kommt auch ohne einen Cliffhanger zu einem stimmigen und spannenden Schlussakt des ersten Bandes, ein zweiter Band ist bereits in Planung. Wohin die Reise geht, deutet die Autorin auf den letzten Seiten noch einmal an und so kann ich nur eins sagen: Ich freue mich sehr auf die Fortsetzung!


Sarah Crossan | Breathe – Gefangen unter Glas
dtv Verlag | Erscheinungsdatum: 1. März 2013 | Reihe: Breathe, Band 1 | ab 13 Jahren
Hardcover · Lesebändchen, 432 Seiten | 978-3423760690 | 16,95€
zum Buch beim Verlag


Informationen zur Dilogie:
→ Band #1 Breathe: Gefangen unter Glas
→ Band #2 Breathe: Flucht nach Sequoia

Mein Fazit: Eine rundherum gelungene, atemlose Dystopie mit einem topakutellen Background, das nicht nur jugendliche Leser begeistern wird! Für Fans von Dystopien ein absolutes must-read und ein Leckerbissen für all diejenigen, die das erste mal in postapokalyptische Welten abtauchen wollen! Es lohnt sich!

Meine Wertung5of5