Lesehighlight: Diana Menschig – Hüter der Worte {Buchrezension}

Liebe Fantasyfreunde,

Als mir der Droemer Knaur Verlag mir im Rahmen einer Leserunde auf lovelybooks.de Diana Menschigs Debütwerk zuschickte, erwartete ich es mit großer Vorfreude. Als ich mich für die Leserunde bewarb, fiel mir sofort das Cover ins Auge: Ein Buch, aufgeschlagen auf einem Tisch, leuchtet in einen türkisen Himmel, die Silhouette zweiter Vögel – welche sich später als Schwarzmilane herausstellen sollen und auch eine Bedeutung im Buch haben – schwebt über dem Schriftzug »Hüter der Worte«. Ich habe mir Zeit gelassen mit diesem Buch, einem Fantasyroman, der mich nicht nur überraschte, verzauberte und mich tief in die Geschichte eines Buches im Buch zog, sondern mich intensiv beschäftigte, mit dem geschriebenen Wort, seiner Wirkung auf den Leser und den Schreibenden. Diana Menschigs Roman wird mir noch lange in Erinnerung bleiben und gehört jetzt schon zu meinen Favoriten des Jahres 2012. Warum, möchte ich euch nun berichten…

Mögen gute Worte dich behüten.

Worum geht es?

Tom Schäfer, seines Zeichens Autor einer mit einem fulminanten Start gekrönten Buchreihe – arrogant und auch ein wenig schusselig – stellt eines Abends inmitten seiner Schreibwerkstatt über den zweiten Band seiner Geschichte um Grenzhüter Laryon fest, dass er nicht weiterkommt. Schreibblockade nennt man das, und diese kommt gerade sehr ungelegen, denn seine Lektorin Susanne, die ihm schon desöfteren den Hintern aus der einen oder anderen Misslage förmlich herausgeschrieben hat, wartet auf ihre Email mit dem fertigstellten Manuskript. Doch Toms Prioritäten sehen anders aus, er hat eine Frau kennengelernt, ihr Name ist Melli. Doch so recht kann sich Tom nicht an den Abend ihres Kennenlernens erinnern. Was ist passiert? Leidet er nun auch unter Gedächtnisverlust? Ehe er sich versieht, befindet sich Tom auf einmal mittendrin in einer unglaublichen Geschichte, die mit seinem Romanhelden Laryon, der geheimnisvollen Mellie und der Buchwelt, welche Tom geschaffen hat, zu tun hat. Tom ist Teil dieser Geschichte, mehr als er jemals ahnen konnte…

Kein gewöhnlicher Fantasyplot

Viele kennen sicher diese Art zu schreiben, ein Buch im Buch. Ich wage es hier nun mal die Tintenwelt-Trilogie von Cornelia Funke zu nennen, die ein ähnliches Konzept verfolgt. Aber Diana Menschigs Buch ist keine neue Tintenwelt, ich stelle vielmehr die Behauptung an, dass es aus der Reihe solcher Bücher hervorsticht, es ist etwas Besonderes. Die Autorin erfindet das Rad nicht neu, aber sie hat eine Art zu schreiben, die mich wirklich, wirklich beeindruckte. Ihre Wortwahl, die Syntax, ihre Eloquenz – vielleicht auch mit oder sogar sicherlich beeinflusst durch ihre Arbeit als Dozentin und Psychologin – gepaart mit einer intensiven Phantasie für das geschriebene Wort haben ein Buch erschaffen, das mir nachhaltig im Gedächtnis bleiben wird.

Vielschichtige, farbig dargestellte Charaktere begleiteten mich auf den schlussendlich fast 600 Seiten, welche die Autorin zu ihrem Bedauern kürzen musste und die großartige Idee hatte, auf dem zum Buch gehörenden Blog Toms – worthueter.de – das „verloren gegangene“ Kapitel für uns Leser als pdf-Datei bereitzustellen. In diesem Kapitel wird uns Laryons Kindheit in aller Ausführlichkeit dargestellt, doch mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten.

Die Handlung verzweigt sich in zwei Handlungsfäden, die eine widmet sich der Welt Laryons innerhalb des Buches, welches Tom schreibt; der zweite Strang vermittelt dem Leser einen Eindruck in Toms Schaffen auf der irdischen Welt der Stadt Münster außerhalb des Buches, seine Erlebnisse als Autor, seine Verwirrung, seine Gedanken und Ängste ob des halbfertigen Buches. Zusätzlich teilte die Autorin ihr Werk in Abschnitte ein, deren Bezeichnungen unter anderem »Wortspiel«, »Wortfetzen«, »Wortwechsel« und »Wortgestalt« lauten. Der Bezug auf den Begriff »Wort« wird hier noch einmal betont, denn dies ist die alles entscheidende Thematik des Romans.

Welche Wirkung hat das geschriebene, das gesprochene Wort auf den Autor, auf seine Wortgestalt, auf die nähere Umgebung dieser Gestalt? Welche Gefahr birgt die Macht eines einzigen Wortes, ob auf einem Laptop getippt oder in die Welt hinausgerufen?

Ich muss ehrlich zugeben, ich kann auf weiten Strecken das Verhalten unseres werten Autors Herrn Schäfer als nicht besonders erfreulich bezeichnen, ich möchte es eher als dreist, frech und ungeschickt betiteln. Er wirkt auf mich nun nicht direkt unsympatisch, aber ein wenig unbeholfen im Bezug auf das weibliche Geschlecht. Er ist scheinbar ziemlich von sich selbst überzeugt, aber nicht so sehr, als dass er ein solides Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl aufbringt. Diana Menschig stellt diesen Charakter aber mit all seinen Ecken und Kanten sehr überzeugend dar, weiß geschickt Dialoge einzuflechten und lässt nie, aber auch wirklich zu keiner Minute Langweile während des Lesens aufkommen. Lange Zeit lässt sie mich als Leser im Dunkeln tappen, führt uns kreuz und quer durch Wälder & Wiesen der Insel Willerin (Buchwelt), stapft mit uns gemeinsam mit Autor Tom über die Buchmesse (Erde der Gegenwart) und stellt den inneren Konflikt desselben eloquent dar. Man könnte den Roman flüssig an einem Wochenende „herunterlesen“, getrieben von der Neugier, wie die beiden Welten miteinander zusammenhängen, wann die Grenze verschwimmt und Tom wie bereits auf dem Klappentext angedeutet sich inmitten der Welt seiner Buchfiguren befindet. Auch der Protagonist der Buchwelt, Laryon gefiel mir ausgesprochen gut.

Phantastisches Debüt!

Was ich während des Lesens gemeinsam mit der Autorin feststellte, welche übrigens die Leserunde in mir bis dahin unbekannt intensiver Art und Weise mitverfolgte, begleitete und kommentiere – danke dafür! -, floss nicht nur ihre berufliche Erfahrung in »Hüter der Worte« mit ein, sondern auch ihre Liebe zum Rollenspiel. Da ich dieses Jahr das erste Mal mit Pen & Paper in Berührung kam und es als ein Spiel empfand, das viel Vorstellungskraft, Fantasie und Ausdrucksstärke erfordert, konnte ich zwischen den Zeilen spürbar herauslesen, mit wie viel Herzblut und eben genannter Fantasie die Autorin ihr Buch schrieb, den Worten Farbe verlieh und der Geschichte die gewisse Prise Besonderheit einhauchte. Als ich das Buch nach ungefähr zwei Wochen Lesens aus der Hand legte, tat ich dies mit ein wenig Wehmut. Denn die Entführung auf die Insel Willerin, zwischen den wogenden Grasfeldern der Molannen, dunklen Nadelwäldern Foryanas, schroffen verschneiten Berggipfeln des Nordgebirges und knisterndem Kaminfeuer im Reich Trakans lies das allseits bekannte Kino in vollem 16:9 in meinem Kopf laufen. Wer übrigens ein wenig Unterstützung seiner Vorstellungskraft benötigt, kann ganz hinten im Buch einen Blick auf die gezeichnete Karte werfen, den Stammbaum der Worthüter allerdings sollte man tunlichst erst spät ansehen, da er sehr viel über die Zuordnung der Charaktere verrät – es sei denn, man blickt absolut nicht durch, dann sei es wohl gestattet.

Schlussendlich hätte ich mir gewünscht, dass das Ende nicht ganz so schnell dahingaloppiert, was aber angesichts der schieren Erzählvielfalt wohl nicht vermeidbar gewesen ist, denn auch hier musste der Rotstift angesetzt werden und diese Kürzung bzw. Stauchung spürt der Leser durchaus. Die Qualität des Inhalts leidet darunter nicht gravierend, nur ein wenig mehr Worte, die es zu hüten gilt, ein paar zwanzig Seiten mehr zu lesen hätten nicht geschadet.


Diana Menschig | Hüter der Worte
Droemer Knaur | 1.10.2012
Klappenbroschur, 550 Seiten | 9783426511114 | 9,99€
zum Buch beim Verlag


Mein Fazit: Chapeau Diana Menschig, ein gelungenes Debüt! Das ist ein Buch, welches dem Fantasygenre alle Ehre macht, begeistert und nachdrücklich im Gedächtnis bleibt. Ich kann es vorbehaltlos allen empfehlen, die wieder einmal in eine fantasievolle Welt abtauchen wollen, die das Thema „Buch im Buch“ zu lieben gelernt haben und dennoch etwas Neues entdecken wollen. 

Meine Wertung:

PrädikatLesehighlight 2012

Prädikat Buechernische Lesehighlight