Willkommen in Night Vale: Warum der Willkommensgruß nicht erwidert wurde. {Abbruch}

Meine lieben Leser.

die Überschrift des heutigen Artikels lässt wohl schon ahnen, worauf ich hinaus will. Wer mich im Socialmedia beobachtet, wird es sich ebenfalls schon denken können: Ich habe »Willkommen in Night Vale« nach längerer Überlegung abgebrochen. 120 Seiten habe ich insgesamt gelesen, doch im Moment wehrt sich alles in mir dagegen, die Geschichte weiter zu verfolgen. Warum, das möchte ich euch nun berichten.

Von Anfang an.

Ich bin schon seit einigen Jahren Mitglied bei Blogg dein Buch. Als ich mich nach längerer Zeit wieder einmal einloggte, stieß ich auf die Aktion zum eben genanntem Fantasyroman aus der Feder von Joseph Fink und Co-Autor Jeffrey Cranor, welches Mitte März bei Klett-Cotta Hobbitpresse erschienen ist. Ein kurzer Blick in die Leseprobe des Autorenduos ließ zwar schon durchblicken, dass man es hier mit einem ziemlich außergewöhnlichen Titel zu tun hatte, doch ich ließ mich davon nicht abschrecken. Ich liebe Fantasy, ich lese zwischendurch auch wahnsinnig gerne Science-Fiction. Ich mag Besonderes, Außergewöhnliches – doch auf diese Lektüre war ich nicht vorbereitet.

Willkommen in Night Vale, Joseph Fink, Jeffrey Cranor, Klett-CottaJackie Fierro betreibt schon lange das örtliche Pfandhaus in Night Vale. Eines Tages verpfändet ein Fremder einen Zettel, auf dem in Bleistift die zwei Worte »King City« geschrieben stehen. Jackie hat sofort ein merkwürdiges Gefühl. Kaum ist er in Richtung Wüste verschwunden, erinnert sich niemand an ihn – aber Jackie kann das Papier nicht mehr aus der Hand legen. Zusammen mit der allein erziehenden Mutter eines jugendlichen Gestaltwandlers geht Jackie daran, das Rätsel von »King City« zu lösen. Ihr Weg führt die beiden in die Bibliothek von Night Vale, die allerdings noch kaum jemand wieder lebend verlassen hat … – »Möglicherweise das beste Buch, das ich in den letzten Jahren gelesen habe.« Patrick Rothfuss“ – Klappentext © Klett-Cotta

Der Podcast

»Willkommen in Night Vale« ist skurril, verrückt, abgedreht – und das ab der ersten Seite. Was ich im Vorfeld nicht wusste: Es gibt eine sehr bekannte Podcastreihe des Autorenteams. Während der Zusammenarbeit zwischen Joseph Fink und Jeffrey Cranor entstanden über 40 Folgen über Night Vale, dem kleinen Städtchen mitten in der Wüste. Die Idee, aus dem mittlerweile über 1000 Seiten umfassenden Manuskript zur Podcastreihe ein Buch zu schreiben, kam erst später.

Dieses ganz besondere auditive Hörvergnügen hat eine große und auch sehr kreative Fangemeinde – eine, die von Cosplay über Fanart bis hin zu einer eigenen Wikipedia beinahe alles zu bieten hat. Auch Buzzfeed hat Night Vale einen Artikel gewidmet: The 42 Stages Of “Welcome To Night Vale” Addiction. Irgendwie lesenswert. Das gedruckte Ergebnis halte ich also nun in der Hand und muss leider sagen, dass ich mich weder mit Patrick Rothfuss noch mit der Begeisterung der Night Vale-Fans auf einer Wellenlänge bewege.

Patrick Rothfuss ist ja nun wirklich eine Größe des Fantasygenre, der Name ist bekannt. Wenn jemand wie er das Autorenduo fragt, wie „man einen derart guten Romanerstling“ schreiben kann, und „mit welchen dunklen Mächten“ man sich dafür eingelassen habe, werde ich hellhörig. Doch aus verschiedenen Gründen erreichte mich dieses famose Debüt offensichtlich nicht so, wie er, und insbesondere die beiden Autoren es sich gewünscht hätten.

Love it or hate it.

Dieser abgedrehte Stück Literatur liebt man, oder man hasst es. Es gibt wohl kein Dazwischen, das behaupte ich nun einfach mal ganz tollkühn. Ich fühlte mich während des Lesens, als würde ich in der Mitte auseinander gerissen werden. Meine eine Hälfte fasste sich an den Kopf und dachte, man würde mich veräppeln wollen. Die andere Hälfte hingegen verspürte einen unerklärlichen Drang danach, weiter zu lesen und erfahren zu wollen, wohin zum Henker die Geschichte überhaupt hinwollte. Irgendwo auf der Suche nach dem roten Plotfaden, zwischen Seite 117 und 120, klappte ich das Buch mit einem Seufzen zu und beschloss, vorerst nicht weiter um jede einzelne Zeile zu kämpfen. Ich schließe noch nicht einmal aus, niemals nach Night Vale zurückkehren zu wollen. Doch vorerst ist diese Reise für mich beendet.

Auf der Suche nach dem (tieferen) Sinn

Das Problem war nicht etwa, dass ich nicht verstand, was mir Fink und Cranor zwischen den Zeilen mitzuteilen gedachten. Gesellschaftskritische Ansätze auf beinahe jeder Seite, in jeder Zeile. Es war, als blickte ich durch einen Zerrspiegel; als würde das, was dort geschah, passieren und gleichzeitig nicht passieren. Und genauso formulieren die beiden Debütautoren auch. Etwas wird bejaht und im selben Satz verneint. Dinge geschehen, und geschehen nicht. Es gibt Engel, aber die sind illegal, und überhaupt heißen sie alle Erika. Und Bibliotheken, ja die sind so richtig hundsgefährlich. Da möchtest du nicht arbeiten, glaub mal. Lebensgefährlich!

Finks und Cranors Night Vale wirkt wie eine Stadt, die in einer Art Zeitschleife erstarrt ist – wenn ich das soweit richtig verstanden habe. Die Protagonistin altert nicht. Jackie ist eine ewig 19jährige, die in einem Pfandhaus arbeitet, das dann aber auch kein gewöhnliches Pfandhaus ist. Natürlich nicht. Immerhin befinden wir uns in einer Stadt mitten in der Wüste, in der nachts seltsame Lichter über den Himmel huschen und alle nur so tun, als ob sie schlafen. Es gelten ziemlich seltsame Gesetze und auch Night Vales Bewohner scheinen völlig abstrusen Beschäftigungen nachzugehen. Manch einer kann einfach seine Gestalt wechseln, je nach Stimmung. Klingt interessant? Ja, vielleicht. Doch da kommt das Aber ins Spiel.

Verrückt, skurril. Zu bizarr.

Diese Schreibe ist mir gerade schlicht und ergreifend zu anstrengend. 120 Seiten lang habe ich mein Bestes gegeben, dem Buch eine Chance zu geben, Verständnis zu entwickeln und der Geschichte zu folgen. Ein Drittel des Buches habe ich geduldig darauf gewartet, dass ich mich an diese so grotesk wirkende Geschichte gewöhne. Keine Chance. Vielleicht ist gerade einfach nicht der richtige Zeitpunkt, um nach Night Vale zu reisen. Möglicherweise fehlt mir auch die Muse, mich mit diesem völlig verrückten, extravaganten und wahrlich verwirrenden Stück Literatur zu beschäftigen. Möglicherweise hasse ich es, und hasse es nicht. Ich weiß es selbst nicht so genau. Mein Geduldsfaden ist nun gerissen. Auch auf die Gefahr hin, dass ich jetzt bei Fans der Podcastserie Stirnrunzeln und Kopfschütteln ernte: Ich drehe dem Wüstenstädtchen und seinen Bewohnern nun den Rücken zu und sage ‚Goodbye Nightvale‘. Dein Willkommensgruß hat mich leider nicht wie erhofft erreicht.

Joseph Fink & Jeffrey Cranor | Willkommen in Night Vale
Klett-Cotta Hobbitpresse | März 2016 | Urban Fantasy
Hardcover, 379 Seiten | ISBN 978-3608961379 | 19,95€
zum Buch beim Verlag

Mein Fazit: »Willkommen in Night Vale« ist wahrlich ein extravaganter Vertreter des Urban-Fantasy-Genre. Entweder man liebt dieses Buch, oder man hasst es. Ich habe mich nach langem Hin und Her dafür entschieden, das Buch abzubrechen und das war wirklich keine leichte Entscheidung, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt. Wäre dies nicht der Fall gewesen, hätte es gut sein können, dass ich über meine erste Buch-Abbruch-Erfahrung gar nicht geschrieben hätte. Ich habe »Willkommen in Night Vale« meines Erachtens eine faire Chance gegeben, mich zu erreichen. Zwischendurch gab es zugegebenermaßen Momente, da zückte ich den Stift, um interessante Textstellen zu markieren. Doch ich kann und möchte diese Schreibe nun nicht länger in meine Synapsen hämmern, es tut mir leid. Womöglich wäre es hilfreich gewesen, vorab die Podcasts zu hören. Ich lese viele Bücher ganz gerne, ohne mir vorab Informationen zu holen, Rezensionen oder Leseproben zu lesen. Ich möchte mich überraschen lassen. Doch in diesem Fall kann ich nur jedem, der sich an das Buch wagen möchte, wirklich ans Herz legen, sich vorab mit den Podcasts und der Welt von Night Vale etwas zu beschäftigen. Es wird sicher dabei helfen, dieses von Insidern nur so wimmelnde Stück Fantasyliteratur etwas besser zu verstehen. Ich schließe noch nicht einmal aus, eines Tages erneut nach Night Vale zurückzukehren. Doch fürs Erste ist meine Reise beendet. Zum Abschluss sei gesagt: Ein Buch trifft nicht automatisch den Lesegeschmack, nur weil die Lobeshymne eines großen, bekannten oder auch von dir gern gelesenen Autors auf das Cover gedruckt wurde.

Meine Wertung:
Gibt es, und gibt es nicht.

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